Erste Tarifrunde SuE – ein offener Brief (05.03.2022)

Derzeit laufen die Tarifverhandlungen für den Sozial- und Erziehungsdienst.

Da es in der ersten Runde keine Entscheidung gab, mit der alle Tarifparteien zufrieden waren, wenden wir uns als Verbände für Kita-Fachkräfte direkt an die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) und beziehen Stellung zu zwei Dokumenten (http://tarifrunde-sozial-und-erziehungsdienst.vka.de/… und http://tarifrunde-sozial-und-erziehungsdienst.vka.de/…).

Wir stehen für Veränderungen und stehen hinter den Forderungen der Gewerkschaften.

Den kompletten Brief kannst Du hier lesen:

Sehr geehrte Frau Welge, sehr geehrter Herr Benrath, sehr geehrte Mitglieder der Verhandlungskommission der kommunalen Arbeitgeber,

zu Ihrer Stellungnahme (siehe Link) bezüglich der Tarifverhandlungen im Sozial- und Erziehungsdienst 2022 möchten wir als Kita-Fachkräfteverbände aus den Bundesländern, deren Mitglieder direkt aus der Kita-Praxis kommen, Stellung beziehen. Wir unterstützen die gewerkschaftlichen Forderungen vorbehaltlos, insbesondere wenn es um die dringend notwenigen Verbesserungen der Arbeits- und Rahmenbedingungen in unseren Kitas geht.

http://tarifrunde-sozial-und-erziehungsdienst.vka.de/fileadmin/SuE/ PDFs_zum_Download/220216_Flyer_SuE-Der_kommunale_SuE_final.pdf?=1645806840 http://tarifrunde-sozial-und-erziehungsdienst.vka.de/fileadmin/SuE/ PDFs_zum_Download/220216_Flyer_SuE-Beschaeftigtenstruktur.pdf?=1645697591

Sie schreiben, dass sich die Ausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden für Bildung laut statistischem Bundesamt zwischen 2010 und 2020 um rund 50 Prozent auf fast 160 Milliarden Euro erhöht haben und für die Kindertagesbetreuung die Ausgaben seit 2010 sogar um rund 140 Prozent gestiegen sind. Diese Entwicklung ist nicht einer qualitativen Verbesserung der Kita-Rahmenbedingungen geschuldet, sondern lediglich dem massiven quantitativen Ausbau der Kinderbetreuung. Die Entwicklung der letzten Jahre sagt aber nichts darüber aus, ob Kita-Betreuung unter kindgerechten und entwicklungsfördernden Bedingungen stattfindet. Laut aktuellem Bertelsmann-Ländermonitor müssen bundesweit fast 73% aller Kita-Kinder ihren oft langen Kindergartenalltag unter nicht kindgerechten Bedingungen verbringen.

Die Personalschlüssel in unseren Kitas beruhen nicht auf pädagogischen oder entwicklungspsychologischen Grundlagen. Sie dürfen uns hier gern widersprechen, indem Sie uns fachliche Quellen nennen, die zu einer anderen Auffassung kommen.

Weil es gesellschaftlich und arbeitspolitisch geboten ist, Kinder immer länger und bereits in sehr jungem Alter in Kitas zu betreuen, müssen wir als Gesellschaft auch bereit sein, die erforderlichen Kosten zu tragen. Selbst in dem Bundesland, das das Ranking des Ländermonitors anführt, haben fast die Hälfte aller Kinder keine kindgerechten Bedingungen in ihrer Kita. Was würde unsere Gesellschaft dazu sagen, wenn fast die Hälfte unserer Kinder unter- und mangelernährt wären? Kindeswohl heißt mehr als satt und sauber zu sein. Es geht genauso um psychisches und emotionales Wohlbefinden. Um das zu gewährleisten, braucht es einen Personalschlüssel nach wissenschaftlichen Mindeststandards.

Eine weitere Forderung der Tarifverhandlungen sind verbindliche und festgeschriebene Verfügungszeiten zur Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit. Für die Bildungsinstitution Schule ist es schon immer selbstverständlich, dass Lehrer ihre pädagogische Arbeit vor- und nachbereiten müssen und dies nicht während ihres Unterrichts tun können. In der Bildungsinstitution Kita sollen Entwicklungsdokumentationen, Elterngespräche, Telefonate mit Institutionen und Therapeuten, die Planung und Reflexion pädagogischer Angebote u.Ä. nebenher im Alltag stattfinden. Kita-Fachkräfte erleben diese Problematik als sehr große Belastung. Es geht uns darum, dass Verfügungszeiten nicht nur auf dem Papier existieren, sondern aus den direkten Betreuungszeiten herausgenommen werden, damit sie den Fachkräften für fachliche Hintergrundarbeiten auch in der Realität regelmäßig zur Verfügung stehen.

Zum Thema Fachkräftemangel liegen uns Zahlen vor, die zu einem anderen Ergebnis kommen als Ihre verwendeten Daten: https://www.fachkraeftebarometer.de/zahl-des-monats Demnach kommen bundesweit bei der Agentur für Arbeit nur noch 79 gemeldete Bewerberinnen auf 100 Stellengesuche für Erzieherinnen. Der Fachkräftemangel verteilt sich natürlich nicht gleichmäßig über Deutschland. An vielen Orten kommt es aber mittlerweile sogar zu Einschränkungen der Öffnungszeiten oder einem Aufnahmestopp, weil nicht mehr genug Personal da ist, um die Aufsichtspflicht oder eine kindgerechte Eingewöhnung zu gewährleisten. Das stellt für Fachkräfte und Familien eine große Belastung dar und wird dem Anspruch an eine verlässliche Kita-Betreuung nicht gerecht.

Kita-Fachkräfte stehen nicht selten unter dem Druck von Trägern und Eltern, die vereinbarten Öffnungszeiten zu gewährleisten und dafür ihre gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten zu missachten oder die Aufsichtspflicht zu verletzen. Die Grenzen der Aufsichtspflicht definiert aber weder der Träger noch das Jugendamt oder das Ministerium, sondern die Fachkraft vor Ort. Wie viele Kinder sie beaufsichtigen kann, hängt von der jeweiligen Situation, dem Alter, aber auch der Persönlichkeit der einzelnen Kinder ab, genauso wie von den Fähigkeiten und Erfahrungen der Person, die die Aufsicht führt. Fachkräfte sind deshalb auch nicht einfach durch fachfremde Hilfskräfte zu ersetzen. Ein knapp bemessener Personalschlüssel führt schnell zu Einschränkungen bei der Betreuung, wenn Erzieher*innen darauf achten, die Kinder in verantwortlicher Weise zu betreuen. Auch deshalb brauchen wir Personalschlüssel, die den Mindestanforderungen der Fachwelt entsprechen.

Weiterhin ist eine Reform der Erzieher*innenausbildung wichtig. Eine praxisintegrierte Form der Ausbildung gibt es bereits in verschiedenen Bundesländern, sie sollte aber zur Regel werden, damit die Auszubildenden von Beginn an auch die Praxis vor Ort kennenlernen und sich dort einbringen können. Ihre Aufgabe als Träger wäre es, hierfür genügend Ausbildungsplätze in Ihren Einrichtungen zur Verfügung zu stellen. Auf alle Fälle muss die Ausbildung, ob schulisch oder praxisintegriert, von Beginn an vergütet werden. Den Prognosen zufolge wird sich der Fachkräftemangel in den nächsten Jahren weiter verschärfen. Wenn die Arbeitsbedingungen sich nicht verbessern, werden weiterhin überdurchschnittlich viele Kita-Fachkräfte das Berufsfeld Kita verlassen und nicht genügend junge Menschen diesen Beruf wählen. Alle Kita-Akteure und damit auch die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber müssen mit aller Anstrengung an der Gewinnung von Fachkräften mitarbeiten.

Bitte denken Sie über Kitas nicht nur als ärgerliche Kostenfaktoren nach. Sie dürfen allerdings gern mit politisch Verantwortlichen aller Ebenen und politischen Farben darüber streiten, wie die finanziellen Lasten in unserer Gesellschaft verteilt werden, damit wir unseren Jüngsten einen kindgerechten Alltag finanzieren. Unsere moderne Gesellschaft braucht eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung, die gute frühkindliche Bildung und bedürfnisorientierte Betreuung gewährleistet. Das sind Investitionen in die Zukunft unserer Gesellschaft, denn die Kitas legen den Grundstein der Bildungsbiografie. Warum leisten wir uns als rohstoffarmes Land, dessen gut ausgebildete Fachkräfte die wichtigste Ressource sind, eine Kinderbetreuung unter Rahmenbedingungen weitab der Mindestanforderungen aus Fachwelt und Fachpraxis? Der Wirtschaftsstandort Deutschland braucht gute Bildung, die das Potential der Kinder fördert und Chancengerechtigkeit ermöglicht.

Kinderbetreuung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die uns alle angeht. Bitte nehmen Sie Ihren Teil der Verantwortung wahr, indem Sie bessere Rahmenbedingungen, zum Beispiel in Form einer verbindlich im Dienstplan verankerten Verfügungszeit, ermöglichen und in Ihren Einrichtungen so viele Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, wie geeignete Bewerber*innen vorhanden sind.

Mit freundlichen Grüßen, im Auftrag der Kita-Fachkräfteverbände in Deutschland

Anja Braekow Baden-Württemberg info@verband-kitafachkraefte-bw.de

Claudia Theobald Rheinland-Pfalz info@kitafachkraefteverband-rlp.de

Susanne Kunz Saarland verband@kita-fachkraefte-saar.de

Melanie Krause Niedersachsen/Bremen info@kfkv-niedersachsen-bremen.de

Vera Mengler Hessen kfvhessen@gmail.com

Gabi Höhner Berlin presse@erzieherverband.de

Veronika Lindner Bayern info@verband-kitafachkraefte-bayern.com

Maren Kremer Nordrhein-Westfalen vorsitz@kitafachkraefteverband-nrw.de

Kathrin Klähn Sachsen/Sachsen Anhalt presse@verband-kitafachkraefte-s-sa.de

 

Wenn Du möchtest kannst Du Dir unseren Brief hier herunterladen:

Tarifverhandlungen Offener Brief zur Tarifverhandlung

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