Kita-Fachkräfte-Mangel Pressemitteilung vom 25.07.2022

Kita-Fachkräfte-Mangel: Kommunen machen Druck, Gruppen zu vergrößern – sonst…

Diesen und andere Artikel erreichen uns aktuell, wir haben mit einer Pressemitteilung reagiert:

Guten Tag,

als Verband Kita-Fachkräfte reagieren wir auf die Forderungen vom Städtetag, die Bedingungen zu „Flexibilisieren“.
Hiermit sende ich Ihnen unser Pressemitteilung/Stellungnahme dazu. Für mehr Informationen über den Verband besuchen Sie unsere Website: www.verband-kitafachkraefte-bw.de

Die Kommunen des Landes warnen vor einem Kollaps beim Ausbau der Kindertagesstätten und der Ganztagsbetreuung in Grundschulen. Der Verband Kita-Fachkräfte Baden-Württemberg ist mit der schwierigen Situation bestens vertraut, sieht die Lösungsansetze, die aktuelle auf verschiedenen Ebenen angestrebt werden allerdings nicht als zielführend. Vom Städtetag wird gefordert, mehr Mittel zur Verfügung zu stellen oder die Standards in den Kitas zu senken. Ebenso verlangt Peter Kurz, Präsident des Städtetags „Öffnungen und Experimente zuzulassen, da mit den jetzigen Standards die quantitativen Erwartungen nicht erfüllt werden können.“ Der Verband Kita-Fachkräfte wiederum verfolgt das Ziel die Qualität anzuheben um für Fachkräfte attraktiver zu werden und somit auch Quantitativ ausbauen zu können.

Im Zusammenhang des Fachkräftemangels wird vom Städtetag schon lange die Erhöhung der Gruppengrößen gefordert und der Einsatz von nicht-pädagogischen Fachkräften. Der Verband Kita-Fachkräfte sieht diese Forderungen kritisch und gibt zu bedenken, dass zu große Gruppen und zu wenig Fachpersonal die Situation verschärfen wird, da die, die jetzt noch diesen Beruf ausüben ihm dann den Rücken kehren werden. Die Aufgaben einer Fachkraft reicht neben der Aufsichtspflicht, Elternberatung, Entwicklungsdokumentation, von pädagogischen, pflegerischen bis hin zu hauswirtschaftlichen Aufgaben. Dabei muss sie jedem individuellen Bedürfnis und Entwicklungsschritt sowie der Gruppendynamik gerecht werden. Vor diesem Spagat stehen pädagogische Fachkräfte jeden Tag. Schon lange scheitert dieser Versuch am vorherrschenden Personal- und Zeitmangel sowie an der zu großen Gruppengröße von meist 25 Kindern. Immer weiterwachsende Anforderungen an die Fachkräfte bei gleichbleibenden Arbeits- und Rahmenbedingungen, fehlenden finanziellen Zuwendungen und dem geringen Ansehen in der Politik und Gesellschaft sind die tägliche Realität. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf darf nicht nur auf den Schultern der Kitas lasten. Hier sind ebenso die freie Wirtschaft und Arbeitgeber in der Verantwortung. Der Kollaps steht bevor und zeichnet sich schon am Horizont ab. Bildung und Erziehung stehen auf der täglichen Agenda ganz weit unten. Mittlerweile geht es vorrangig um die Erfüllung der Aufsichtspflicht und das um jeden Preis. Die Unzufriedenheit wächst auf allen Seiten und die leidtragenden sind schlussendlich die Kinder.

Größere Gruppen und nicht-pädagogische Fachkräfte dürfen in dem Dilemma nicht die Lösung sein, wenn die Kinder im Fokus stehen, positioniert sich der Verband Kita-Fachkräfte Baden-Württemberg. Die Folgen wären verheerend: Kein Kind wird mehr individuell betreut, es zählt nur noch, dass Kinder körperlich unversehrt nach Hause gehen, noch mehr pädagogische Fachkräfte werden sich beruflich umorientieren und die, die dann noch übrig sind, brechen erst recht erschöpft und krank zusammen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Kinder unsere Zukunft sind. Sie sind die Entscheider, Politiker, Fachkräfte und Arbeiter von morgen. Und da ist ein guter Start ins Leben mit angemessener frühkindlicher Bildung, Erziehung, Zeit und Geborgenheit in den Kitas unverzichtbar.

Freundliche Grüße
Anja Halder

3. Vorsitzende

Ressort Öffentlichkeitsarbeit

Brief an Herrn Steffen Jäger (11.10.2021)

https://www.badische-zeitung.de/gemeindetags-praesident-jaeger-fordert-geld-fuer-kita-ausbau–205368729.html

Dieses Interview haben wir von einem unserer Mitglieder zugeschickt bekommen. Da uns einige Inhalte sehr verwundert haben, haben wir heute einen Brief an Herrn Jäger gesendet.

Sehr geehrter Herr Jäger, 

als Verband Kitafachkräfte Baden-Württemberg möchten wir uns Ihnen in Ihrer Funktion als Präsident des Gemeindetags Baden-Württemberg vorstellen. 

Seit unserer Gründung im Januar 2021 sind wir ein stetig wachsender und aktiver Verband. Gemeinsam mit Eltern, Trägern, Fachverbänden und Interessierten machen wir uns auf den Weg, um die Bedingungen in den Kitas in Baden-Württemberg bedeutend zu verbessern. 

Seit vielen Jahre bewältigen die Gemeinden und Städte in Baden-Württemberg den Ausbau an Kita-Plätzen und damit einhergehend die Fachkräftegewinnung und Betreuungsqualität je nach Budget und Priorität. In den letzten Jahren ist hier ein Ungleichgewicht entstanden, welches verhindert, dass überall der Chancengleichheit und dem Bildungsauftrag nachgekommen werden kann. In den nächsten Jahren kommt ein weiterer Kostenfaktor der des Ganztagsausbaus an Schulen hinzu. Aus unserer Arbeitspraxis wissen wir jedoch, dass es bereits jetzt an Fachkräften mangelt. Der Fachkräftemangel beruht auf einigen Faktoren, u. a. der mangelnden gesellschaftlichen Wertschätzung, dem niedrigen Gehalt und den wünschenswerten Rahmenbedingungen. Als Verband setzen wir uns vor allem für die Verbesserung der Rahmenbedingungen ein, da wir überzeugt sind, dass in qualitativ hochwertigen Kitas auch gutes Personal arbeitet und der Beruf attraktiver wird. Mit entsprechenden finanziellen Mitteln und Prioritätensetzung ließe sich viel zum Positiven bewegen. Aus Sicht vieler Städte und Gemeinden sowie der Wirtschaft steht vieler Orts der reine Platzausbau im Vordergrund. Mancherorts können dann neue Kitas nicht öffnen, schlicht aus Personalmangel. Dem von Ihnen gegeben Interview in der Badischen Zeitung vom 06.10.2021 haben wir entnommen, dass Ihnen viele der genannten Aspekte wohlbekannt sind. 

Was bei uns und unseren Mitgliedern jedoch auf großen Unmut stieß, ist Ihre Aussage wie man dem Platzmangel an Kitas entgegenwirken kann. Sie äußern sich, dass “Größere Gruppen (…) eine Möglichkeit (wären). Eine andere wäre, eine stärkere Unterstützung der Fachkräfte durch Zusatzpersonal.” Zwar stellen Sie in Aussicht, dass dies eine mögliche “Zwischenlösung” sei, doch erleben wir in unserem Beruf und der Kommunalpolitik, dass so manches Provisorium zur Dauereinrichtung wird, gerade in Mangelzeiten. Eine größere Gruppengröße führt u. a. zu mehr Lärm, dieser führt wiederum zu mehr Stress bei Kindern und Personal, was wiederum zu mehr Krankheitsausfällen führt bis hin zu Gruppenschließungen und Öffnungszeitenreduzierung auf Grund von Personalmangels. Ebenso führt eine reine Vergrößerung der Gruppen dazu, dass noch weniger pädagogisch gearbeitet werden kann und die Aufsichtspflicht nicht mehr gewahrt werden kann.  

Wir sind der Meinung, dass jetzt in die Zukunft unseres Landes, die durch die Kinder vertreten wird, investiert werden muss. Ein Faktor stellt hier die Frühkindliche Bildung dar und ein durchdachtes Ganztagsbetreuungskonzept für Schulen. Ein reiner Ausbau der (Kita-) Plätze, auch mithilfe von Zusatzkräften, geht auf Kosten der Kinder und des Personals und wird zu einer noch größeren Berufsabwanderung führen, als wir sie gerade schon erleben. Als Verband Kitafachkräfte sehen wir das Modell der Zusatzkräfte als nicht tragfähig, bestenfalls aber als Ergänzung zum Mindestpersonalschlüssel, um eine Entlastung des Fachpersonals zu erreichen, entgegen Ihrem Ansinnen, Fachkräfte durch ungelernte kostengünstige Kräfte zu ersetzen.  

Ebenfalls verwundert hat uns Ihre Aussage, dass “die Bezahlung der frühkindlichen Pädagoginnen und Pädagogen (…) sich in den letzten Jahren überdurchschnittlich entwickelt (hat)”. Wenn man sich die Gehaltserhöhungen der letzten Jahre ansieht und die Inflation dazu betrachtet, so stellt man fest, dass in vielen Jahren die Lohnsteigerung nicht inflationsbereinigt war. Somit blieb die Reallohnsteigung in den letzten Jahren nahezu aus.  Auch dies sehen wir als einen der Faktoren, welcher zu einem höheren Fachkräftemangel führen wird. Hier wiederum hätten die meisten Gemeinden aber mit Bonusprogrammen und Gratifikationen eine schnell umsetzbare Lösung, um Fachkräfte zu gewinnen und Kitas als Arbeitsstelle attraktiver zu machen.  

Als Verband, dessen Vorstände und Mitglieder in der täglichen Kitapraxis arbeiten, würden wir gerne mit Ihnen ins Gespräch kommen. Wir gehen davon aus, dass es auch Ihren Mitgliedergemeinden ein großes Anliegen ist, qualitativ gute Kitas anzubieten, um als Wohnort für Familien und Standort für Unternehmen attraktiv zu sein.   

Wir freuen uns auf eine Nachricht von Ihnen, damit wir zeitnah in einen konstruktiven Austausch gehen können. 

Mit freundlichen Grüßen

Anja Braekow

  1. Vorsitzende